Leica CL oder Minolta CLE? Ein Vergleich aus der Praxis
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Ein Gastbeitrag von Peter Becker, der beide Kameras selbst besitzt und benutzt. Die Grundlagen zum Messsucher stehen im letzten Kapitel. Titelbild: links die Leica CL mit Summicron-C 40 mm, rechts die Minolta CLE mit Voigtländer Nokton Classic 40 mm. Foto: Peter Becker
Eine Frage, die nicht nur ich mir immer wieder gestellt habe. Und man kann sie nicht absolut beantworten. Darum besitze ich beide Kameras. Von der Minolta CLE habe ich sogar zwei. Das macht es einfacher, je nach Aufgabe immer den richtigen Film geladen zu haben.
Irgendwann kaufe ich noch eine zweite Leica CL.
Aber was ist nach meiner Meinung nun das bessere Werkzeug? Welche mag ich lieber? Das lasse ich hier offen. Aber es kann sich jeder je nach Prioritäten beim Fotografieren und eigener Leidensfähigkeit mit Hilfe meiner Beschreibung selbst entscheiden.
Und eine Entscheidung braucht Unterschiede. Um diese Unterschiede soll es hier gehen.
Los geht’s...
Inhalt
- Der Sucher gibt dieser Kameraklasse den Namen
- Das Belichtungsmesssystem der Minolta
- Die Belichtungsmessung der Leica
- Ähnlichkeiten
- Welche Batterie die beiden brauchen
- Welche Kamera ich wann nehme
- Was beim Gebrauchtkauf zählt
- So funktioniert ein Messsucher
1. Der Sucher gibt dieser Kameraklasse den Namen
Ursprünglich war die Leica M6 mein Arbeitsgerät. Das ist auch eine Messsucherkamera.
Warum keine Leica M6 mehr? Ich bin Brillenträger und komme bei der M6 nicht dicht genug an den Sucher, weil ich bei ihr einen aufschraubbaren Dioptrienausgleich brauchte. Warum auch immer... Ich habe das Problem weder bei der CLE noch bei der CL. Ich sehe den Messfleck scharf genug. Darum habe ich zuerst eine M6 gegen zwei Minolta CLE getauscht. Die zweite Leica M6 habe ich später auch verkauft.
Wenn wir gerade beim Sucher sind, schauen wir uns den Sucher der beiden Kandidaten genauer an.
Ungefähr gleich ist schon mal der Messfleck in der Mitte. Bei manchen Kameras hat er zu wenig Kontrast, was mit einem Qualitätsverlust der Messoptik zu tun hat. Die Kameras sind immerhin so um die 40–50 Jahre alt. Bei einer Wartung der Kamera kann sich das verbessern.
Dann gibt es noch Rahmenlinien, die je nach Objektiv eingeblendet werden. Das ist eine wichtige Sache, die beide Kameras auch stark von der Leica M6 unterscheidet. Denn beide Kameras haben einige Linien weniger als die M6. Die Leica CL hat Rahmen für 40, 50 und 90 mm. Die Minolta hat 28, 40 und 90 mm, was auch den Objektiven entspricht, die man bei Minolta mitbestellen konnte (Rokkor).
An dieser Stelle merkt man schon einen großen Unterschied, denn das immer gleiche sichtbare Bild muss bei der Minolta größer sein (Bildfeld von 28 mm plus ein bisschen). Wer gerne weitwinkelig unterwegs ist, wird sich freuen. Wer lieber mit 40 mm, 50 mm oder 90 mm knipst, hat bei der CLE den Nachteil, dass der Bildausschnitt kleiner im Gesamtsichtfeld ist. Besonders das Viereck von 90 mm wird mühsam klein.
Messsucherkameras sind eh mehr etwas für Landschaft, Street oder nahe Porträts. Die ideale Brennweite für das Alltagsgeknipse ist bei beiden Kameras 40 mm. Der Besitzer einer Leica CL ist froh, weil er noch den 50er-Rahmen zusätzlich hat. Natürlich kann man auf die Minolta auch ein 50er draufmachen, muss sich dann aber den Ausschnitt denken.
Ist aber nicht so wild, denn Nutzer dieser Kameras sind eh meist leidensfähiger als andere Knipser.
Man kann im Prinzip auf beide Kameras alles draufklemmen, was M-Bajonett hat. Entweder man denkt sich den Rahmen oder man verwendet passende Aufstecksucher.
Bei der Leica gibt es Einschränkungen bei den Objektiven, weil manche Objektive an die Messzelle stoßen können. Zum Beispiel kann man die alten Elmare zusammenschieben, was dann die Messzelle beschädigen kann. Da kann man sich helfen, indem man einen Streifen Tesa um den Tubus klebt und dadurch den Einschubweg begrenzt.
Auch die Minolta hat Einschränkungen bei manchen Objektiven. Wenn sie zu weit in das Gehäuse ragen (z. B. beim Jupiter 12), wird die Messzelle teilweise abgeschattet, was zu Überbelichtungen führt. Da ist dann Handmessung angesagt.
Das war jetzt eine Menge Text nur zu den Rahmen.
Aber im Sucher findet sich noch mehr, und da laufen die Kameras komplett auseinander.
Beginnen wir bei der Leica CL. Außer den Rahmen und dem Fokusfleck findet sich auf der rechten Seite der Zeiger der Belichtungsmessung. Die ist einfach und systematisch. In der Mitte des Bereiches, in dem sich der Zeiger bewegt, befindet sich eine rechteckige Einkerbung. Wenn die Lichtmessung eingeschaltet ist (Kamera gespannt und der Spannhebel ein wenig ausgeklappt), gibt es nur eine Aufgabe, nämlich den Zeiger ungefähr in die Lücke zu bringen.
Das war’s, übersichtlich und einfach. Mehr dazu beim Thema Belichtungsmessung.
Im oberen Bereich des Suchers ist ein Balken, in dem die Belichtungszeiten abzulesen sind. Die eingestellte Zeit ist mit einem roten Balken markiert.
Mehr gibt es im Sucher der Leica nicht zu sehen.
Der Sucher ist mit Brille ausgezeichnet zu überblicken.
Sucher der Leica CL, vereinfacht: oben die Zeitenskala mit der eingestellten Zeit, rechts der Zeiger der Belichtungsmessung mit der Einkerbung, dazu die Rahmen für 40 und 50 mm. Zeichnung: Ausgeknipst, nach der Originalanleitung
Nun zur Minolta...
Außer den Rahmen und dem Messfleck gibt es da ganz links nur einen Balken mit den Zeiten. Die von der Kamera gewählte Zeit wird mit kleinen LEDs markiert. Für Brillenträger nicht gut sichtbar, aber es geht.
Sucher der Minolta CLE, vereinfacht: links die Zeitenanzeige, ein Leuchtpunkt markiert die gewählte Zeit, dazu die Rahmen für 28, 40 und 90 mm. Zeichnung: Ausgeknipst, nach der Originalanleitung
Das ist alles zum Sucher.
2. Das Belichtungsmesssystem der Minolta
Hier unterscheiden sich die Kameras noch stärker als beim Sucher. Während die Leica immer voll manuell bedient wird, hat die Minolta eine Zeitautomatik. Man wählt die Blende und die ISO und die Kamera macht dazu eine passende Belichtungszeit (von 1 bis 1/1000 Sekunde).
Also eigentlich ideal...
Leider hat Minolta vergessen, der Kamera einen vernünftigen manuellen Modus zu geben, sodass man mittels Lichtwaage (wie bei der Leica) oder Ähnlichem eine manuelle Einstellung vornehmen könnte.
Man kann nur vorher mit Automatik messen, die Zeit ablesen und dann von Hand einstellen. Bei schwierigen Lichtsituationen kann das nötig sein. Mit Automatik kann man dann auch am Stellrad die Belichtung um ±2 Blenden korrigieren. Und korrigieren muss man jedes Mal, wenn im Bild starke Unterschiede in der Helligkeit sind und diese vom Anteil her im wichtigen Bildbereich liegen.
Wenn die Anteile ausgeglichen sind, arbeitet die Minolta perfekt. Bei Aufnahmen abends auf der Straße mit Laternen oder beleuchteten Fenstern im Bild werden die Bilder leicht unterbelichtet.
Aber zu 90 % kann man sich auf die Automatik verlassen. Die Belichtungsmessung ist mittenbetont, die untere Bildhälfte zählt dabei etwas stärker. Wenn die Batterie leer oder die Elektronik defekt ist, funktioniert die Minolta nicht mehr.
3. Die Belichtungsmessung der Leica
Die funktioniert komplett anders. Das zeigt schon die Technik mit der Messzelle. Diese Zelle sitzt auf einem Arm, der beim Spannen des Verschlusses vor das Verschlusstuch schwingt und beim Auslösen blitzschnell verschwindet, bevor der Verschluss aufgeht.
Das deutet schon darauf hin, dass die Leica selektiv misst, also nur einen kleinen Kreis in der Bildmitte. Wenn die Szene ausgeglichen beleuchtet ist, passt es genauso wie bei schwierigem Licht, denn dabei misst man einfach selektiv dorthin, wo man die richtige Belichtung braucht.
Man dreht einfach an Blende oder Zeit, bis der Zeiger in der Mitte ist. Danach kontrolliert man die anderen Stellen im Motiv und schaut, wie stark die abweichen. Dank des Zeigers kann man wunderbar abschätzen, wie weit es neben optimal liegt. Besser als der LED-Kram der Leica M6.
Besonders hilfreich ist dabei, dass man im Sucher ständig die eingestellte Belichtungszeit angezeigt bekommt (von 1/2 bis 1/1000 Sekunde). Dabei ist das direkt neben dem Auslöser positionierte Einstellrad das genialste Teil an der CL.
Ein Hoch auf die Entwickler!
Insgesamt mag ich das Messsystem der CL lieber als das der Minolta.
Denn die CL hat sozusagen einen eingebauten Messwertspeicher: Wenn ich einen Bereich angemessen und die Kamera eingestellt habe, kann ich die Kamerarichtung ruhig verändern. Die Werte ändern sich ohne mein Zutun nicht.
Das hat die Minolta CLE nicht. Die Messung im Automatikmodus kann ich nicht speichern, und die eigentliche Belichtung wird sogar nach dem Auslösen direkt auf dem Film kontinuierlich gemessen, bis die erforderliche Lichtmenge erreicht ist.
Noch ein Unterschied bei den Kameras:
Wenn bei der Leica CL die Batterie leer ist (nur bei offenem Filmfach zu wechseln!) oder die Elektronik defekt ist, kann man problemlos weiter fotografieren. Dann schätzt man die Belichtung oder nimmt den Handbelichtungsmesser.
4. Ähnlichkeiten
Jetzt gehe ich zu den Dingen über, bei denen sich die beiden Kameras wenig unterscheiden.
Beim Filmeinlegen ist die Minolta moderner, denn sie hat eine aufklappbare Rückwand. Der Film muss genau wie bei der Leica eingefädelt werden. Die Leica CL hat eine abnehmbare Rückwand, wobei dann die Kamera an der einen Seite des Riemens und die Rückwand an der anderen Seite baumelt.
Die beiden Kameras von hinten. Foto: Peter Becker
Daher schaue ich, dass ich bei der Leica im Sitzen oder auf irgendeiner Ablage den Film wechsele. Hierbei muss man noch zusätzlich die Andruckplatte auf- und zuklappen. Aber alles kein Hexenwerk. Hier wäre mir das System der M6 lieber gewesen. Da konnte ich sogar bei sehr wenig Licht die Filme wechseln.
Bei beiden Kameras sollte man nach dem Einlegen einmal spannen und auslösen, dann den Film etwas zurückkurbeln bis zum Widerstand und anschließend beobachten, ob sich beim Spannen die Kurbel dreht. Das verhindert leere Filme nach dem Entwickeln.
Eine Gemeinsamkeit der beiden Kandidaten ist auch die Gehäuseform. Größe, Form und Gewicht sind ähnlich angenehm. Genauso wie das wirklich schöne Anfassgefühl, fast schon sexy. Wobei die Leica noch ein bisschen mehr davon hat.
Von oben: links die Leica CL, rechts die Minolta CLE. Foto: Peter Becker
Sie sind jedoch beide kleine Meisterwerke der Technik, die man gerne einfach so in die Hand nimmt. Sie verströmen den Charme, der fast allen Messsucherkameras zu eigen ist. Bei beiden spürt man die hochwertige Verarbeitung.
Wenn ich sie in der Stadt dabeihabe, werde ich öfter interessiert angesprochen als mit jeder anderen Kamera.
Das Wichtigste haben wir hinter uns...
5. Welche Batterie die beiden brauchen
Die Leica ist das ältere Gerät aus einer Zeit, als Quecksilberbatterien mit 1,35 V das Nonplusultra waren. Die gibt es nicht mehr. Man hat daher drei Möglichkeiten: Entweder man lässt irgendwann eine Wartung machen und dabei den Belichtungsmesser auf moderne 1,5-V-Batterien umstellen. Oder man investiert ein paar Euro und kauft bei Ausgeknipst einen Varta-Akku mit USB-Ladegerät.
Disclaimer: Wir verkaufen einen Teil der Produkte, die hier vorkommen. Der Artikel ist trotzdem zuerst als Hilfe gedacht und nicht als Verkaufstext.
Mit der Lösung bin ich sehr zufrieden. Die Empfindlichkeit muss ich bei meiner CL dann ein bisschen höher einstellen. Letzte Möglichkeit ist der Handbelichtungsmesser. Das wäre aber schade, denn die Messung der Leica ist besser, schneller und genauer.
Die Minolta frisst handelsübliche 1,5-V-Zellen. Manchmal gibt es Kontaktprobleme am Einschalter oder am Drehrad für die Zeiten. Bisher hat immer ein paarmal An-Aus- oder Hin-und-her-Drehen gereicht, um wieder Leben in die Kiste zu bringen. Staub oder Oxid...
6. Welche Kamera ich wann nehme
Zum Schluss versuche ich jetzt noch zu beschreiben, in welchen Situationen ich welche Kamera bevorzuge.
Bei mir gehören beide zu den Immerdabeiknipsen, und für beide ist das 40 mm wirklich der richtige Kompromiss für Streetfotografie, für Fundstücke, belanglose Ansichten oder auch bedingt für Landschaft. Sogar Porträts gehen damit gut.
Bei normalem Licht schenken sich die beiden Kameras nichts, aber die CLE ist eindeutig schneller. Besonders als schnelle Streetknipse. Wenn ich die Entfernung auf 5 m, die Blende auf 5,6 oder 8 stelle, bin ich unschlagbar schnell bei Street, bei Sport oder bei spielenden Kindern.
Wenn es dann Abend wird und Laternen, Autoscheinwerfer, Bewegung oder große dunkle Bereiche ins Bild kommen, dann ist mir die Leica CL erste Wahl.
Natürlich kann ich auch die CLE auf manuell stellen. Bei 400 ASA, 1/125 Sekunde und Blende 2 kann ich einen Abend lang so ziemlich alles in der City knipsen. Die SW-Filme, die ich benutze, decken die Abweichungen gut ab.
Will ich weite Winkel nutzen, zum Beispiel mein liebstes Objektiv, das Summaron 28/5,6, dann ist die CLE Favorit. Will ich 50 mm oder 90 mm verwenden, dann ist wieder die Leica besser, weil diese Ausschnitte im Gesamtsucher größer sind und die Leica einen 50er-Rahmen bietet.
Unterm Strich kann man mit der Minolta CLE das Gleiche machen wie mit der Leica CL. Man kommt mit beiden zum gleichen Bild, aber nicht unbedingt auf demselben Weg.
7. Was beim Gebrauchtkauf zählt
Beim Preis auf dem Gebrauchtmarkt liegen die beiden beieinander. Denn wenn eine CLE funktioniert, dann tut sie es richtig, wegen der elektronischen Steuerung. Das Fokussystem ist selten verstellt, weil es einfacher konstruiert ist als bei der Leica.
Das größte Problem bei der CLE ist, dass ein Defekt fast immer ein Totalschaden ist, weil es keine Ersatzteile gibt und fast keine Leute, die sie aufschrauben wollen.
Die Leica CL ist beim Kauf oft billiger, und mit etwas Glück kann man sie gleich einsetzen. Ist aber eine Wartung nötig, kommt man insgesamt auf den Preis einer Minolta CLE.
Allerdings gibt es bei der Leica kaum Totalschäden. Es gibt noch Ersatzteile und Werkstätten, die sie reparieren. Selbst ein Kabelbruch am Messarm lässt sich noch beheben.
Und noch eine Warnung: Beide Kameras haben Tuchschlitzverschlüsse. Darum sollte man unbedingt darauf achten, dass bei lichtstarken Objektiven nicht die Sonne direkt in das Objektiv scheint. Brandlöcher sind bei solchen Kameras ein häufiges Problem.
Einzelne kleine Löcher kann man mit Liquid Tape reparieren.
8. So funktioniert ein Messsucher
Zum Verständnis für die Leute ohne Erfahrung mit Messsuchern, die meinen Text vielleicht nur aus Interesse lesen: Beim Messsucher stellt man scharf, indem man einen Messfleck mit dem Sucherbild auf Deckung bringt. Die Messsucherkamera zeichnet sich gegenüber einer SLR durch ein klares Sucherbild aus, das immer genauso hell ist wie das tatsächliche Umgebungslicht. Dadurch fällt das manuelle Scharfstellen bei schlechten Lichtverhältnissen leichter.
Der Sucher hat jedoch gegenüber einer SLR auch Nachteile, denn man sieht keine Vorschau auf das spätere Ergebnis: weder die Schärfeverteilung noch die Helligkeit und trotz Parallaxenausgleich auch nicht ganz genau den Ausschnitt. Und gegenüber einer SLR mit Autofokus kommen naturgemäß noch weitere Nachteile hinzu.
Über den Autor
Peter Becker fotografiert analog, sammelt Kameras und kennt sich mit alten Objektiven besonders gut aus. Auf unblind.de zeigt er seine Bilder und schreibt über Umbauten wie seine Holga im Breitformat.
Weiterlesen
- Die Originalanleitungen als PDF: Leica CL (deutsch) und Minolta CLE (englisch), bei Butkus Camera Manuals.
- Stephen Gandy hat auf Cameraquest beide Kameras ausführlich beschrieben, mit vielen technischen Details: Leica CL und Minolta CLE.
- Bei uns im Guide: Elektronische Sucherkameras im Vergleich, von der Yashica Electro bis zur Minolta Hi-Matic.