Braucht jede „kaputte“ Analogkamera ein CLA?
Share
Vor ein paar Tagen hat jemand auf r/AnalogCommunity eine Nikon F3 gepostet, die er gefunden hatte. Der Blendenhebel am Objektivbajonett war mit altem Fett verharzt und blieb jedes Mal ein paar Sekunden hängen. Er fragte, was er tun soll. Die meisten Antworten liefen auf dasselbe hinaus: Du brauchst ein CLA — Clean, Lube, Adjust. Schick sie zum Techniker.
Ich habe auch geantwortet:
Don't overcomplicate it. Common issue. Just drip some light alcohol like Ethanol and jank the lever 100x left and right. It will loosen the old gunk and do the trick. Of course a clean CLA would be better, but you probably dont want to pay 300€ and wait for 3 weeks.
Minus zwei Votes, Tendenz fallend. Die professionellen Reparatur-Techniker im Thread waren wenig begeistert. „That's just horrible advise.“ — „Sounds like a great way for me to end up with more business, thanks in advance.“ — „You would be a lousy doctor.“
Fair enough. Hier ist die lange Version dessen, was ich gemeint habe. Nimm es als kleines Unpopular-Opinion-Piece.
Woher diese Meinung kommt
Ausgeknipst hat nicht als Zubehör-Shop angefangen. Wir haben als Refurb-Onlinestore gestartet: gebrauchte Analogkameras auf eBay gekauft, aufgearbeitet, repariert, wo es ging, und weiterverkauft. Über 3.000 Kameras sind so durch unsere Hände gegangen und wieder ins Feld zurückgekehrt, bevor wir zur eigenen Fertigung von Zubehör und Ersatzteilen übergegangen sind.
Diese Refurb-Jahre sind die Brille, durch die dieser ganze Text geschrieben ist: Wir haben gesehen, woran Analogkameras wirklich sterben — und was nur kaputt aussieht.
Was ein CLA ist — und warum es kostet, was es kostet
CLA heißt Clean, Lube, Adjust: Die Kamera wird zerlegt, das jahrzehntealte Fett wird ausgewaschen, alles wird neu geschmiert, Verschlusszeiten und Belichtungsmesser werden justiert. Ein richtiger Komplett-Service. Meistens schickst du die Kamera ein, wartest ein paar Wochen oder auch Monate — je nach Modell und Verfügbarkeit von Technikern, die daran arbeiten können — und zahlst irgendwas zwischen 100 und 300 Euro.
Und um das klarzustellen: Ich habe nichts gegen Reparatur-Techniker. Im Gegenteil — wir haben diese Arbeit jahrelang selbst gemacht, ich weiß aus erster Hand, wie viel Zeit sie frisst. Eine Kamera zu reparieren ist ein Eins-zu-eins-Job. Du kannst ihn nicht automatisieren. Erfahrung macht dich schneller — die erste Canon FTB dauert vielleicht vier Stunden, nach tausend Kameras vielleicht eine halbe — aber hundert Kameras kosten dich trotzdem Wochen, weil jede einzelne durch deine eigenen Hände geht. Wer das professionell macht, muss echtes Geld dafür nehmen, um zu überleben, und die meisten Techniker machen ihre Arbeit mit Stolz. Die Preise sind gerechtfertigt. Das ist nicht das Problem.
Das Problem: Ein CLA kostet für die 30-Euro-Kamera dasselbe wie für eine Leica
Der CLA-Rechnung ist egal, was deine Kamera wert ist. Eine Leica M3 und eine Canon FTB brauchen auf der Werkbank ungefähr gleich lang — wenn überhaupt, dauert die FTB länger, weil die M3 vergleichsweise angenehm zu warten ist. Aber die M3 ist über tausend Euro wert, und die FTB geht auf eBay für 20 bis 40 Euro weg.
Im Reddit-Fall übrigens: Da ging es um eine Nikon F3 — die kostet gebraucht um die 300 Euro, und da kann sich ein CLA durchaus rechnen. Bei einer Minolta SRT, die exakt dasselbe Blendenhebel-Prinzip benutzt, sieht die Rechnung ganz anders aus: gleiche Arbeit, gleicher Preis — für eine 30-Euro-Kamera.
Und jetzt überleg, wer diese Kameras findet. Canon FTB, Minolta SRT, Pentax K1000 — wunderschöne mechanische Kameras, die bei Markteinführung Einsteiger- bis Mittelklasse waren, millionenfach verkauft, überall auf dem Gebrauchtmarkt zu haben. Eine Leica wird erkannt und verkauft; Opas K1000 liegt 30 Jahre auf dem Dachboden, bis sie jemand rauszieht und damit Film ausprobieren will.
Dieser Jemand ist fast immer ein Anfänger. Er stößt auf einen kleinen Defekt, fragt online — und bekommt gesagt: Schick sie ein, warte drei Wochen, zahl 200 bis 300 Euro. Für eine Kamera, die 20 gekostet hat. Bevor er überhaupt weiß, ob ihm Filmfotografie Spaß macht.
Das realistische Ergebnis dieses Ratschlags ist keine frisch gewartete K1000. Das realistische Ergebnis ist, dass die Kamera zurück in die Schublade wandert und die Person nie einen einzigen Film verschießt. Genau das stört mich.
Was ich nicht sage
Ich sage keinem Anfänger, er soll einen Schraubendreher nehmen und die Kamera aufmachen, um mal nachzusehen. Das ist meistens der schnellste Weg, aus einer reparierbaren Kamera eine irreparable zu machen — jeder Reparatur-Techniker kann ein Lied von den „Vorbesitzer hat schon mal reingeschaut“-Fällen singen, und wir auch.
Und ich bin auch nicht gegen das CLA an sich. Dazu unten mehr.
Die kleinen Defekte, die du beheben kannst, ohne irgendwas zu öffnen
Von den tausenden Gebrauchtkameras, die wir damals auf eBay gekauft haben, waren rund 60 Prozent mit nicht mehr als Putzen, frischen Lichtdichtungen und etwas Pflege der Batteriekontakte wieder benutzbar. Kein Zerlegen, keine Justage, keine Werkbank. Die drei Klassiker:
Ein verharzter Mechanismus, den du von außen erreichst — wie der Blendenhebel aus dem Reddit-Thread. Ein paar Tropfen leichter Alkohol (Ethanol) oder Waschbenzin, dann den Hebel ein paar Hundert Mal bewegen, bis sich das alte Fett löst. Ja, das gelöste Fett bleibt im Mechanismus, und über die nächsten Jahrzehnte ist das nicht die saubere Lösung. Aber die Kamera fotografiert heute — statt nie.
Lichtlecks — die Schaumstoffdichtungen aus den 70ern und 80ern zerbröseln zu klebrigen Krümeln, und plötzlich hast du rote Streifen auf den Fotos. Alten Schaumstoff aus den Kanälen kratzen, neue Dichtungen einkleben. Ein Lichtdichtung-Set, etwas Geduld und eine Stunde Zeit, und die Kamera ist wieder lichtdicht.
Die Kamera zeigt mit frischer Batterie kein Lebenszeichen — in neun von zehn Fällen sind das oxidierte Batteriekontakte. Kratz sie vorsichtig mit einem kleinen Schlitzschraubendreher an, bis blankes Metall zu sehen ist, und der Belichtungsmesser wacht wieder auf.
Für fast alles andere gibt es inzwischen ein YouTube-Tutorial — oft für genau dein Modell und genau deinen Defekt. Mit etwas Sorgfalt, ein paar Schraubendrehern und einem freien Nachmittag kannst du mehr reparieren, als du denkst — auch ohne viel Erfahrung. Willem Verbeeck hat genau dazu ein ganzes Video gemacht — alte Analogkameras zu Hause wieder fit machen:
Video: „Fix Your Old Film Camera at Home!“ — Willem Verbeeck
Ein Kanal, den ich aus unseren eigenen Refurb-Jahren empfehlen kann, ist Fix Old Cameras — da haben wir damals einiges gelernt. Ein guter Einstieg ist seine Tour durch die grundlegenden Reparatur-Werkzeuge:
Video: „Camera Repair Tools, Part One“ — Fix Old Cameras
Wann ein CLA absolut Sinn ergibt
Ich liebe ein gutes CLA. Ich bezahle selbst dafür — oder mache es selbst, wenn ich kann. Ich fotografiere seit 15 Jahren auf Film, ich weiß, dass ich dabei bleibe, also bekomme ich mit einer zuverlässigen, geschmeidig laufenden Kamera den vollen Gegenwert für mein Geld. Nichts geht über eine frisch gewartete mechanische Kamera.
Wenn du also ein paar Filme mit deinem Flohmarktfund verschossen hast und weißt, dass dieses Hobby bleibt: Gönn der Kamera einen richtigen Service. Oder such dir ein sauberes, bereits gewartetes Exemplar und behalte deins als Teileträger. Beides sind gute Entscheidungen — sobald du weißt, dass die Kamera es verdient hat.
Aber nein, nicht jede „kaputte“ Analogkamera braucht einen 300-Euro-Service, bevor du ein Foto damit machen darfst. Fotografier erst. Service später — wenn du und die Kamera beide wissen, dass es sich lohnt.
Fight me in the comments — oder drüben im Reddit-Thread.
Titelbild: Standbild aus dem Video von u/IndividualEven5062 auf r/AnalogCommunity.
1 Kommentar
Thank you for the article. I am an avid camera collector and photographer. You hit the nail on the head with your article.
I have many cameras which means that I only have a handful of opportunities to use each camera in a given year. I do believe that a CLA is justified in several cases. However, if I can replace a broken or partially functional camera with a replacement for a fraction of the price of a CLA, I will do so. Most of my cameras require some type of attention that I can provide such as using lighter fluid to clear some junk inside of the camera. Please remember that I only use the camera a handful of times per year. Based on the quick math, it makes no sense for me to have my Pentax Spotmatic sent in for me at $200. Assuming I use it four times this year, that comes to $50 per use.
I do have other cameras that may simply not work and require dedicated attention. In this case a CLA may be the solution.